Auf Wagner pfeifen

Lin May bei Jacky Strenz in Frankfurt

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.10.2013, Nr. 243, S. 50


Eigentlich ist alles da. Hier ganz offensichtlich die Bergstraße, dort der Rhein mitsamt versenktem Schatz. Und im Zentrum von Lin Mays gewaltiger Arbeit, die bei Dunkelheit von der Frankfurter Galerie Jacky Strenz aus in die Nacht leuchtet, Brünnhilde, die sich in die Flammen von Siegfrieds Scheiterhaufen stürzt. Nur Grane, des toten Helden treues Ross, dem Brünnhilde die Sporen gibt, scheint die Begeisterung der todesmutigen Reiterin nicht recht zu teilen. Und hat doch offensichtlich keine Wahl.


"Grane", so der Titel des wandfüllenden Scherenschnitts (und der vierten Ausstellung der Berliner Künstlerin an diesem Ort), erscheint zunächst als bildgewordener Reim, den sich die einstige Meisterschülerin von Tony Cragg auf die Nibelungensage macht. Und doch führen formal und inhaltlich alle hier angedeuteten künstlerischen Wege aus der fernen Überlieferung in unsere Gegenwart zurück. Mehr noch, in Verbindung mit den flankierenden Arbeiten, zu denen eine Aufnahme des entsprechenden, von Lin May glockenhell gepfiffenen Ausschnitts aus Wagners Partitur ebenso gehört wie "Ghost Ship Relief", eine der für sie seit jeher typischen Styropor-Arbeiten, wird "Grane" auch als ein Ort lesbar, an dem sich die verschiedenen, für das OEuvre der in Würzburg geborenen Künstlerin bestimmenden Form- und Erzählfäden zusammenführen lassen.


Angesichts der Dokumentation eines Tierbefreiungskongresses, die parallel dazu in Form einer Wandzeitung vorgestellt wird, mag man sich freilich ernsthaft fragen, ob es Lin Mays Kunst auf Dauer guttut, wenn ihr durchaus respektables Interesse zunehmend Einfluss auf die Form gewinnt. Tagesordnung und Programme wirken im Kontext der Ausstellung seltsam fremd, vor allem aber gibt "The Liberation Of Animals From Their Cages XIV", so der Titel der Arbeit, dem Betrachter von "Grane" unmissverständlich die intendierte Lesart vor. Und schon scheint alles heikel, schon verliert das, was eben noch anregend offen, mitunter auch seltsam widersprüchlich erschien, ganz ohne jede Not merklich an Zauber. Erst nachts, wenn "Grane" gänzlich kommentarlos in den Stadtraum leuchtet, ist wie selbstverständlich alles wieder da.


CHRISTOPH SCHÜTTE


Die Ausstellung in der Frankfurter Galerie Jacky Strenz, Kurt-Schumacher-Straße 2, ist bis zum 26. Oktober dienstags bis freitags von 14 bis 18 Uhr, samstags von 12 bis 16 Uhr geöffnet.







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